Was bringt einen dazu, sich bewußt gegen moderne Modeströmungen zu wenden aber trotzden nicht auf Mode zu verzichten? Ich würde sagen, in erster Linie Frust. Bis etwa 1993 war noch so etwas wie eine ständige Weiterentwicklung des Geschmacks und der Mode erkennbar. Aber dann gingen fast schlagartig den Designern die Ideen aus. Man wärmte also nach und nach verflossenen “Epochen” auf - Retro war/ist auf einmal ganz in. Schlaghosen, Fledermausärmel, ja bitte! Aber ich finde, nicht immer zum Besten, denn man verwendet(e) zwar die Stilelemente der 70er, 60er, etc., aber irgendwie nicht den Chic und das Tragegefühl jener Zeit. Auf mich wirken daher jene neuen Retro-Klamotten eher wie ein Griff im Mamas oder Omas Altkleidertruhe.
Außerden stelle ich mir ständig die Frage, ob denn unsere zeitgenössische Kleidung wirklich so bequem ist, wie wir meinen. Ich finde nicht. Knallenge Hüfthosen, dazu Leiberl und Jacke, die knapp beim Bauchnabel aufhören. Damit geht man dann bei 0°C auf die Straße - Nierenentzündung Grüß Gott! Mit den viel zu engen Hosen kann man sich kaum bücken, außerden stellen sie eine sehr schmerzvolle Erfahrung dar, wenn man mal zuviel (ich denke da speziell an Kraut und Konsorten) gegessen hat und dann einen ganze Tag im Bürosessel verbringen muß... Nun, ich könnte Seite um Seite auf diese Weise volljammern.
Wasmacht nun die gequälte Seele, wenn man bei der Suche nach passender und schöner Kleidung festellen muß, daß man sowohl die uns zugedachte Alters- (etwa 16) und Gewichtsgrenze (ca. 50kg) für die vernünftige Verwendbarkeit der uns dargebotenen Kleidung lange überschritten hat bzw. ohnehin NIE ins Zielpublikum paßte? Sind die einzigen Alternativen tatsächlich dann nur langweilige Jeans und ein weites T-Shirt, die ewiggleichen Business-Kostümchen oder ein Twinset? Wer will denn schon aussehen wie seine eigene Oma?
Ja, ich!! Aber bitte richtig.
Die vergangenen Modeepochen bieten uns eine enorme Auswahl an Stilen, die man problemlos in unsere Zeit integrieren kann. Was man dazu allerdings braucht, ist eine mehr oder weniger große Portion Mut, da Intresse an historischer Kleidung und - noch wichtiger - etwas, das ich schlicht als “Historisches Lebensgefühl” bezeichne. Man muß sich mit dieser Art von Kleidung zu 100% identifizieren können, sonst wirkt man schnell nicht bekleidet sondern kostümiert. Man sollte sich auch bewußt sein, daß man mit einem solchen Outfit, vor allem dann, wenn es komplett ist, mitunter mehr auffällt als jemand mit einem mit einem halben Werkzeugkoffer an Piercings im Gesicht
Was eignet sich nun, uns was sollte ich der Tragbarkeit willen weglassen?
Es geht vor allem um die Verwendung historischer Schnitte und Kleiderkombinationen. Unnötiger Zierrat sollte entfallen. Keine überbordenden Rüschen oder Spitzen, so man denn überhaupt einen Hut trägt, dann sollte dieser auch nicht vor Federn überquellen. Hier ein paar kurze Beispiele:
Diese Epoche kann man fast zu 100% übernehmen. Die lange Schleppe der frühen Alltagskleider sollte man weglassen - verklemmt sich leicht in Ubahntüren...Auf die Schute würde ich auch verzichten. Ein flottes Barett oder einer dieser turbanartigen Kopfwickel passen wunderbar. Den rüschigen Stil den späten Empire sollte man etwas entschärfen.
Ja, auch das geht! Keine Schleppen, kein Panier versteht sich von selber. Abeer was beleibt dann noch? Eine Menge! Die Schnürbrust kann man z. B. dekorativ als Oberbekleidung zu einem (von 1900 geklauten) Glockenrock tragen. Ein Caraco über der Schnürbrust mit einem knöchellangen Rock (eng oder weit ist Geschmackssache) - mit dem engen Rock ergibt das ein Business-Kostümchen der anderen Art. Man kann auch ein sog. French Jacket zu einem schmalen Rock tragen.
Läßt sich auch sehr gut adaptieren. Auch hier gilt: keine Schleppe, wenig Rüschen, kein Draht- oder Polsterunterbau. Enge hochgeschlossene Samtjacke, dazu eine schürzenartige Tournüre - prima! Man sollte aber der Form willen nicht auf einen stützenden Ein- oder Unterbau bei den Oberteilen verzichten, d.h. Oberteil selbst verstärken oder Korsett tragen. Womit wir schon beim Thema wären.
Wie kam ich dazu? Wie schon eingangserwähnt war ein hoher Frustfaktor beim Einkaufen nicht unwesentlich daran beteiligt. Ich war nie dem inneren wie auch äußeren Zwang unterworfen, Markenklamotten als Statussymbol zu besitzen. Die liebsten Sachen waren mir immer jene, die meinem Mama für mich nähte. Selbstgmachtes war für mich kein Makel, im Gegenteil. Seit ich sechs bin, bin ich mit der Nähmaschine vertraut, was als Kleidung für Stofftiere anfing wurde später Kleidung für mich. Aber mit wachsendem Einkaufsfrust und zunehmendem Interesse an alten Schnitten wurde der Anteil an selbsthergestelltem immer größer. Mittlerweile stelle ich meine gesamte Garderobe mit Ausnahme von Schuhen, Stümpfen und Unterhosen selbst her.
Wie fühlt es sich also an, wenn man das Jahr in Empirekleidung verbringt? Einfach genial! Man kann die einzelnen Schichten so dosieren, daß man im Winter nicht friert und im Sommer kaum schwitzt. Gerade letzteres erstaunt mich immer wieder. Der Trick dabei ist, nicht zuviel Haut der direkten Sonneneinstrahlung auszusetzen - speziell nicht die Beine. (Das wissen diverse Wüstenvölker schon lange!)
Welche Modifikationen habe ich für mich angebracht, wo halte ich mich genau an die Orignale? Ich habe auf jede Art von Stecknadelverschlüssen verzichtet. Da ich oft eine schwere Computertasche mit mir herumschleppe, hab ich was dagegen, denn sich die Nadel, mit der ich die Frontklappe meines Kleides festgesteckt habe, bricht und/oder sich mir in die Schulter bohrt. Haken und Fadenschlaufen oder unsichtbar eingenähte Druckknöpfe haben den selben Halterungseffekt, sind aber ungefährlich (ich weiß, ich bin feige....). Die beiden Rokoko-Schnürleiber, die ich gerne Trage, sind im Rücken nicht mit einer Spiral- sondern mit einer Zickzack-Schnürung versehen. Das sieht dekorativ aus, weil ich sie gerne außen trage, ich kann sie mir aber auch viel leichter selber anziehen. [Als nächstes steht ein Schnürleib mit Schn+rung vorne und hinten bei mir am Programm. Da wird die Schnürung dann spiralig sein, wie es sich gehört.] Ich verzichte auf moderne Unterwäsche (nur nicht die Unterhose.....), d.h. ich trage unter meinen Kleidern auch die entsprechenden Unterhemden. Und ich mag ganz normale Strümpfe, die dank Gummizug von alleine oben bleiben...Die Schnitte sind auch so authentisch als möglich (bis auf die Verschlüsse eben, s. oben)
Nun die ewige Frage des langen Rockes: ist das nicht unbequem? Schleift das nicht dauernd? Zieht das nicht furchtbar von unten? Ist dir nicht kalt im Winter so ohne Strumpfhose? NEIN! Ein langer eher weiter Rock (ich meine hier vor allem Empirekleider) ist bequemer als jede Hose, speziell wenn man im Büro viel sitzt und nichts in der Taille und im Schritt einengt. Man kann problemlos in die Knie gehen, ohne Angst zu haben, daß der Hosenboden reißt. Man muß sich keinen besonderen Gang angewöhnen, damit man die O-Beine nicht sieht
. Aus diesen und noch mehr Gründen trage ich seit Jahren Hosen nur mehr bei speziellen Gartenarbeiten oder auf Bergtouren.
Wie war das mit der Länge? Ich habe die Saumlänge so bemessen, daß der Saum gerade den Boden berührt, wenn ich keine Schuhe anhabe. Jeder noch so kleine Absatz hält dann den Saum von Boden recht zuverlässig fern. Diese Länge bewirkt auch, daß es eben nicht von unten zieht, sondern sich eine Wärmeglocke darunter bildet. Ich brauche schon seit Jahren auch bei -10°C keine Strumpfhose mehr. Warme Strümpfe, langer Rock, langer Mantel - that’s it.
Wie war das mit den stützenden Unterbauten?
Über noch etwas war ich bald sehr froh: endlich bin ich diese lästigen Büstenhalter los!! Schnüren unter der Brust ein, schnüren an den Schultern ein, kurz, ich kann sie nicht leiden. Leider aber sind sie für einen guten Sitz unerläßlich...oder? Sie sind erläßlich.
In Empirekleider kann man die Verstärkung (den Woderbra quasi) gleich mit einbauen, man braucht als Unterwäsch nur ein knie- oder bodenlanges Hemd. Wie verhält es sich mit Einer Rokoko-Schnürbrust oder einem klassischen Korsett? Sind diese als Folterinstrumente verschrieenen Kleidungsstücke tatsächlich so unkonfortabel?
Eigentlich nicht - solange man es nicht übertreibt.
Bis zum Ende des 18.Jahrhunderts war es der Sinn solcher Kleidungsstücke, den Oberkörper in die Form eines Eisstanitzels zu bringen, und nicht, um die Taille einzuschnüren. Natürlich gab es immer ein paar Fashion-Addicts, die es mit der Schnürerei übertrieben. Betrachtet man aber erhaltene Kleidungsstücke jener Zeit, so muß man feststellen, daß die Taillen meist ganz normale Proportionen haben. Der Schlankeffekt wird wor allem durch die weit ausladenden Röcke erzeugt. Obwohl eine Rokoko-Schnürbrust ein ziemlich rigides Kleidungsstück ist, so ist sie meines erachtens doch angenehm zu tragen. Erstens: die Schultern werden zurückgezogen und zwingen einen in eine aufrechte Haltung. Der Rücken wird gestützt, auch der Busen erhält Halt, man kann nicht im Sessel lümmeln oder vor dem Bildschirm einknicken. Trägt man dann die Schnürbrust nicht, so bleibt aber die gerade Haltung bestehen. Gut für uns Computer-Buckel-Geplagte. Es macht einfach auch bei üppigen Gestalten eine vorteilhafte Figur, auch wenn die Taillenweite garnicht, oder nur um ein paar wenige Zentimeter reduziert wird. Kurz: man hält den Büroalltag ganz wunderbar damit aus. Interessanterweise ist sie einem auch beim körperlichen Arbeiten nicht im Weg. Ich hab vor nicht allzulanger Zeit mal etliche Möbelstücke mit Schnürbrust (es gibt davon noch keine Photos, leider) zusammengebaut und mir war sie nicht im Weg. Auch das anschließende Heben der schweren Teile verursachte keine Probleme.
Bei einem klassischen Korsett aus den 19.Jahrhundert bin ich mir bezüglich der Bequemlichkeit nicht ganz so sicher. Gerade gegen Ende jenes Jahrhunderts war das Engschnüren ganz und gäbe. Ist man nicht an ein solches Korsett gewöhnt und hat es nicht die absolut perfekte Passform, dann kann es ganz schön auf die Rippen drücken. Besonders hier gilt: nicht übertreiben mit dem Schnüren, nur dann ists angenehm.
Was trage ich zu Hause? Da bevorzuge ich weite Gewänder im Stile der Reformkleider der Jahrhundertwende.
Fazit: Was ich in der Galerie unter “Alltagskleidung” führe, meine ich auch so....